Golf-Interview mit Skirennfahrer Felix Neureuther

Felix Neureuther entdeckt den Suchtfaktor beim Golfsport.

Raus auf die Piste oder den ersten Abschlag im GC Garmisch-Partenkirchen: Felix Neureuther schätzt beim Skifahren und Golfen das Naturerlebnis.

Golf.de: Skifahren ist sehr schnell, Golf kann so langsam sein. Passt dieser krasse Gegensatz zusammen?
Felix Neureuther: Doch, das ist ja gerade das Schöne. Beim Skifahren muss man extrem schnell auf alle äußeren Umstände reagieren, beim Golf hat man viel Zeit sich alles anzuschauen: Wie der Wind steht oder das Grün liegt.

Ist Golf der deutlich strategischere Sport?
FN: Nicht wirklich, anders! Jeder Slalom, jedes Rennen verlangt seine eigene Strategie. Trotzdem gibt es auch viel Gemeinsamkeiten. Beim Skifahren denkt man von Tor zu Tor, beim Golfen von Schwung zu Schwung. Allerdings muss ich als Slalomfahrer intuitiv in kürzesten Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen.

Hat Golf für Sie einen ähnlichen Suchtfaktor wie das Skifahren?
FN: Der Reiz liegt für mich eigentlich darin, dass man den besten Abschlag seines Lebens machen kann und ich dann den nächsten Ball irgendwohin haue, nur nicht dorthin, wo er hin soll. Diese Extreme findet man in keiner anderen Sportart. Beim Skifahren besteht der Reiz ja auch darin, dass man Trainingsinhalte im Wettkampf genau auf den Punkt bringen muss. Dazu hat man zirka 60 Sekunden Zeit, solange dauert in etwa ein Durchgang.

Sind Sie eher der Typ Trainingsweltmeister oder Naturtalent?
FN: Meine Eltern haben mir glücklicherweise ein großes Bewegungsgefühl mitgegeben. Im Training bin ich sicher nicht der Fleißigste, was mir beim Golfen eher im Weg steht, weil ich da stur üben muss. Ich war in meinem Leben erst ganz selten auf der Range und bin eigentlich immer sofort auf die Runde gegangen.

Ist der Golfsport für Sie motorisch anspruchsvoll?
FN: Koordinativ ist Golfen eine der anspruchsvollsten Sportarten, die ich kenne. Das ist sicher auch das verbindendste Element zum Skirennsport.

Sie selbst haben schon als Achtjähriger zum ersten Mal den Schläger in der Hand gehabt. Hat Golf da wirklich Spaß gemacht?
FN: Naja, mir hat vor allem das Fahren mit dem Golf Cart Spaß gemacht, weil wir damals in Amerika gespielt haben. Als ich klein war, wollte ich immer lieber Action und Risiko haben und das war beim Skifahren eben eher so. Erst mir 13, 14 habe ich mehr Golf gespielt.

Egal ob Skifahren oder Golf, beide Sportarten tun sich zunehmend härter, Kinder und Jugendliche anzuziehen. Warum war der Sport für Sie immer attraktiv?
FN: Kinder haben heute so viele Möglichkeiten, ihre Zeit zu verbringen. Fernsehen, Computer und Internet sind die Bewegungskiller. Ich habe mit 18 meinen ersten Fernseher bekommen. Da war das Spielen in der Natur die ideale Beschäftigungsart. Sowohl Golf als auch Skifahren werben mit Ihrer Attraktivität als Sport in der Natur.

Ist das vielleicht der größte Pluspunkt dieser Sportarten?
FN: Ja klar, auf jeden Fall. Man ist draußen, immer an der frischen Luft. Das Schöne daran ist auch, dass Du einerseits Momente für Dich hast andererseits aber auch viel Zeit, um Dich mit Freunden oder dem Partner zu unterhalten. Das geht auf dem Golfplatz sehr gut, aber im Sessellift beim Skifahren oder beim Einkehrschwung ist es das Gleiche: Beide Sportarten sind sehr kommunikativ.

Den Golfsport betrachten Sie als Berufsskifahrer ja eher von der Peripherie aus. Wie präsentiert er sich aus Ihrer Sicht der Öffentlichkeit?
FN: Naja, ich stelle immer fest, dass etwa die Amerikaner oder Engländer ganz anders ans Golf rangehen. Da spielt man in der kurzen Hose und Golf ist Volkssport für Jedermann. In Deutschland wird man schief angeschaut, wenn man im T-Shirt ankommt. Das ist einfach schade. Der Sport sollte aufgelockert werden. Ich glaube, es wäre einfach cool, wenn bei den Profis mal einer daherkäme, der mit den Regeln komplett bricht …

… ein André Agassi des Golfs?
FN: Von mir aus ein zutätowierter, gepiercter Typ, der das alles lockerer macht. Damit er die Jugend auch mehr anspricht.

Tiger Woods ist neun Jahre älter als Sie. Hat seine Karriere Sie als Jugendlicher beeinflusst?
FN: Auf jeden Fall. Seine Art zu spielen hat mich selbst an den Sonntagen stundenlang vor den Fernseher gezogen. Der Mensch hat ein Charisma, das ist unglaublich. Wenn der einen Raum betritt, überstrahlt er alles. Da gibt’s noch Muhammed Ali und vielleicht Roger Federer beim Tennis in dieser Kategorie – was Tiger Woods alles ausgelöst hat, ist unglaublich.

Sie selbst haben inzwischen auch schon ein Pro-Am bei den BMW International Open mitgespielt, sind mit Martin Kaymer befreundet. Gibt es irgendetwas, um das Sie die Kollegen vom Golf ein wenig beneiden – das deutlich höhere Preisgeld vielleicht?
FN: Na ja, Geld ist ja nicht alles. Und für mich bleibt Skifahren der schönste Sport der Welt. Aber was toll ist beim Profi-Golf, ist, dass man es so extrem lange ausüben kann. Das beste Beispiel ist Bernhard Langer. Wenn es bei dem gut läuft und er mega vier Tage hat, dann kann er noch das US Masters gewinnen. Beim Golf ist für Jeden Alles möglich. Das gilt ja auch für einen normalen Amateur: Da kann man bei einem Pro-Am mit Rory McIlroy durchaus mal ein oder zwei Löcher hintereinander besser spielen als so ein Superstar.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Intervew führte Petra Himmel und erschien in der Süddeutsche Zeitung Golf Spielen Ausgabe 02/2017