Phillip Graf – ein Gespräch mit dem frisch gebackenen Golf-Hessenmeister

Ich habe mich mit dem dreizehnjährigen Golf-Hessenmeister Phillip Graf (Altersklasse bis vierzehn Jahre)zu einem Gespräch verabredet – natürlich auf dem Golfplatz Altenstadt, seinem Heimatclub. Aber an diesem Tag ist es kalt und regnerisch, und ein strammer Wind bläst. Das ist nicht das geeignete Wetter, um gute Fotos zu machen, und so verschiebe ich unsere Verabredung. Phillip dagegen scheint das Wetter nichts auszumachen, denn er absolviert sein Training wie immer.

Beim zweiten Termin scheint die Sonne, und wir sitzen auf der Bank vor dem Clubhaus. Ich gratuliere ihm zur Hessenmeisterschaft, was er mit einem Lächeln quittiert. Andere Clubmitglieder kommen vorbei und rufen Glückwünsche zu ihm herüber. Er freut sich offensichtlich über die Anerkennung, ohne das jedoch überzubewerten – eine erstaunlich reife Haltung für einen Jungen seines Alters.

Wie war denn das Gefühl, als er sich zur Hessenmeisterschaft angemeldet hat, will ich als erstes wissen. War da Druck, oder überwog die Freude? Seine Antwort ist auf den Punkt. „Ich wusste, ich kann das schaffen.“

In der Saison 2017 war er Vize-Hessenmeister. Was hat sich seitdem verändert oder bessert, so dass er dieses Jahr den Titel holen konnte?
„Ich habe mich eigentlich überall verbessert: Bei den langen Schlägen, bei der Präzision im kurzen Spiel und auch mental. Und mein Selbstbewusstsein ist auch besser geworden. Ich glaube jetzt mehr an mich und daran, dass ich es schaffen kann.“

Mental – hier hake ich nach, was genau er damit meint. „Wir hatten die Verena Scholz (Anmerkung: Mentaltrainerin Hessischer Golfverband) hier. Die hat uns viele gute Tipps gegeben. Nach einem schlechten Schlag fahre ich alles „zurück auf Null“. Das hilft mir sehr, mich ganz auf den nächsten Schlag zu konzentrieren. Und: Man braucht gute Laune, wenn man gut spielen will.“
Das mit dem „zurück auf Null“ habe ich selbst auch schon häufig versucht, aber es ist sehr schwer, sich eben NICHT über einen schlechten Schlag zu ärgern, sondern sich sofort neu zu konzentrieren. Phillip hat offensichtlich genau verstanden, was das Wichtigste beim Golfen ist.

Aber Phillip macht noch viel mehr, um besser zu werden. Er hat ein eigenes Programm zusammengestellt. Dazu gehören Übungen für Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Koordination. Seit einigen Jahren besteht eine Kooperation zwischen dem Golfplatz Altenstadt und dem Fitness-Club InJoy in Limeshain-Rommelhausen. InJoy hat ein Trainingsprogramm entwickelt, das speziell auf den Golfsport zugeschnitten ist. Besonders im Winter ist das für alle Golfkinder und –jugendlichen sehr hilfreich.

Phillip spricht eigentlich nur mit seinem Vater über das Golfen.
„In der Schule rede ich nicht über Golf. Für die anderen hat das nichts mit Leistungssport zu tun.“ Ganz offensichtlich wird Golf von den Mitschülern als Sport nicht ernst genommen, wie das ja auch häufig die Meinung der Erwachsenen ist. Für Außenstehende ist es möglicherweise schwer zu beurteilen, dass Golf tatsächlich ein echter Leistungssport ist.

An dieser Stelle gesellt sich Zwillingsbruder Bastian zu uns. Er quetscht sich mit auf die Bank, neugierig, was hier so geredet wird. Und so lautet die nächste Frage an Phillip logischerweise, ob er sich auch mit seinem Bruder austauscht. Die beiden grinsen sich an. „Wir reden nur über unsere guten Schläge.“

Da beide ein ähnliches Handicap haben, landeten sie während der ersten beiden Runden der Hessenmeisterschaft in einem Flight. Normalerweise spielen sie nicht so gerne zusammen, sondern gehen lieber mit anderen auf die Runde. Zwischen den Brüdern herrscht eine gesunde Konkurrenz, von der beide profitieren. Von Neid darüber, dass einer den Titel geholt hat und der andere nicht, ist nichts zu spüren. „Das war halt Glück an diesem Tag“, bewertet es Phillip. Bastian lässt sich vom Erfolg des Bruders nicht beeindrucken. „Dann werde ich vielleicht mal deutscher Meister“, verkündet er selbstbewusst.

Phillip und Bastian haben schon von klein auf Wert darauf gelegt, als eineiige Zwillinge eben nicht verwechselbar zu sein. So bestanden sie darauf, getrennte Schulen zu besuchen. Und auch wenn beide das Golf-Gen mitbekommen haben, hat doch jeder eine eigene Persönlichkeit. Aber natürlich stecken sie auch die Köpfe zusammen und kichern während unseres Gesprächs. Manche Antworten kommen fast identisch, fast gleichzeitig von beiden. Zu den Antworten von Phillip nickt Bastian zustimmend, und umgekehrt.

Auf die Frage nach Vorbildern in der Reihe der Profigolfer folgt erst einmal Schweigen.
„Vielleicht Tiger Woods, weil er sich so toll zurückgekämpft hat. Und Martin Kaymer, weil er Deutscher ist. Aber so wirklich gut ist er nicht.“
Erstaunlicherweise finden beide Golf im Fernsehen langweilig. Der Ryder Cup war natürlich „Pflicht“, aber ansonsten schauen sie sich eher keine Golfturniere im Fernsehen an. Phillip erklärt das auch sehr logisch. „Aus der Kameraperspektive kann man die Distanzen schlecht erkennen, so dass man sich in die jeweilige Spielsituation nicht wirklich hineindenken kann. Und außerdem werden immer nur die guten Schläge gezeigt, also: die Putts, die fallen. Und sehr selten mal einer, der daneben geht. Das ist ja nicht, wie es wirklich ist.“ Wo er Recht hat, hat er Recht. Es gibt wohl keinen golfspielenden Zuschauer, der nicht schon einmal das gleiche gedacht hat.

Sein wichtigster Schläger ist das Holz 3. Damit kommt er auf dem Fairway gut zurecht, aber auch im Semirough, wenn der Ball halbwegs gut liegt.
Bei seiner Ausrüstung ist er sehr anspruchslos. In seinem Bag dürfen Wasser zum Trinken, eine Banane oder ein Apfel oder mal ein Brot nicht fehlen. Das Regenzeug ist ganz wichtig. Ansonsten gibt es an seinem Bag keinerlei „Kinkerlitzchen“, noch nicht einmal die beliebten Schlägerhauben mit Tierköpfen. Einzig die Schlägerhaube, die er bei der Hessenmeisterschaft bekommen hat, zeugt davon, wem dieses Bag gehört.

Wie mag seine Woche aussehen? Er muss ja eine ganze Menge unter einen Hut bringen: Schule, Hausaufgaben, Golf… Phillip fängt an aufzuzählen: „Montag Kadertraining, Dienstag Jugendtraining. Mittwoch hab ich Ruhe, da hole ich Hausaufgaben nach. Donnerstag wieder Jugendtraining, Freitag noch mal Ruhe. Und am Wochenende bin ich meistens auf Turnieren.“ Ein strammes Programm für einen Dreizehnjährigen. Auf meine Frage, ob er immer Spaß am Training hat, sagt er sehr ehrlich: „Nein.“ Aber er zieht es durch, weil es eben meistens doch immensen Spaß macht, und er besser werden will.

Wo sieht er sich in fünf Jahren? Phillip rechnet kurz. „Dann bin ich in der 13. Klasse – hoffentlich!“ Fürs Sitzenbleiben besteht aber derzeit keine Gefahr, seine schulischen Leistungen sind in Ordnung.
Ist der Führerschein ein Thema? „Ja klar. Fürs Auto.“ Der Motorradführerschein interessiert ihn nicht so brennend, ganz im Gegensatz zu Bastian, der am liebsten sofort beides haben würde.

Kann man nach einem aufregenden Turniertag eigentlich gut einschlafen, oder geistert da der eine oder andere Schlag noch im Kopf herum?
„Nö, ich schlafe immer sofort ein“, sagt Phillip.

In der nächsten Woche werden Phillip und Bastian in Berlin bei der German Junior Golf Tour antreten, auch hier in der Altersklasse bis 14 Jahre. „Das ist international. Also – es spielen nicht nur deutsche Golfer, sondern auch ein paar aus anderen Ländern.“ Phillips Lächeln zeigt, dass er sich auf diese neue Herausforderung freut.

Es gibt viele, die die Daumen drücken: Sein Trainer Armin Piater, die Jugendwartin Christa Reichert und natürlich das gesamte Team des Golfplatzes Altenstadt. Und es ist zu erwarten, dass die stolzen Eltern der beiden Jungen auch in den nächsten Jahren viel Zeit mit Fahrdienst, Organisation und Koordination verbringen werden. Aber gegen Talent und unbändige Spielfreude ist nun mal kein Kraut gewachsen.

Tudyy Mielke